Buch Review: Mark-Stefan Tietze „Allein unter Veganern“

 

Der Autor und Ex-Redakteur der Titanic hat sich einem „Selbstversuch“ unterzogen, indem er sich für 100 Tage pflanzenbasiert ernährt. Das ist ja erst mal eine durchaus sehr sinnvolle Idee für jemanden, der sich bisher von Fastfood und Industrieprodukten, wie Sahnejoghurt und „Meica“-Würstcheneintöpfen ernährt hat.

Spannend ist hierbei allerdings, dass die meisten Veganer im echten Leben eine Zeit lang Vegetarier waren und sie in letzter Konsequenz Eier und Milchprodukte, meist aus ethischen Gründen verneinen. Eine Ernährungsumstellung als eine Art Challenge zu deklarieren ist zwar fragwürdig, aber das dient vermutlich dem Unterhaltungsfaktor.

Schauen wir uns das mal genauer an:

So beginnt der Klappentext:

„Tofu ist, wenn man trotzdem lacht“. Hmmm, ich habe ehrlich gesagt noch nie jemanden in Tränen ausbrechen sehen, wenn Tofu aufgetischt wurde. Weinen, Mitleid und Angst sind eher Gefühlsregungen, die so einige Menschen mit Schlachthöfen, Massentierhaltung und Tiertransporten auf der Autobahn verbinden.

„Natürlich nimmt er ab  – und sein Appetit auf alles Verbotene nimmt zu“. Auch hier werden Vorurteile befeuert: Veganismus ist keine Diät um Abzuspecken, sondern ein ganzheitlicher Lebensstil. Man kann sich auch von Pommes & Co vegan ernähren, dabei zunehmen und Nährstoffe vermeiden. Eine ausgewogene tierfreie Ernährung ist daher keineswegs von Verzicht geprägt ist, da sie sich anders zusammen setzt als Fleisch mit Beilagen. Sie ist in der Regel ein Zugewinn, nicht nur für das eigene Wohlbefinden, sondern auch für die Umwelt. Wer sich selbst Verbote auferlegt, hat offenbar den Kern der Sache nicht begriffen. Es geht hier um Einsichten und um Bewusstsein. Eine ganz persönliche Entscheidung, die nicht von anderen bewertet werden sollte.

Die Story beginnt, in dem der Autor feststellt, dass es in seinem Frankfurter Hipster-Viertel mehr und mehr „veggie-friedly“ Shops und Restaurants gibt, er stolpert sogar über Fleischersatzprodukte. Aus einer Art Selbstkrise heraus – der Mann ist unglücklicher Single mit Gewichtsproblemen – möchte er seinem Lebenstil eine frische Brise verpassen und verbannt alles Tierische aus seiner Küche. So weit, so gut. Ab jetzt ist der Autor permanent auf der Suche nach etwas Essbaren, er hungert nahezu tagelang und mutiert in Restaurants zum Beilagenesser. Gut, das ist ansatzweise nachvollziehbar, wenn auch nicht so drastisch. Diese Schilderungen ziehen sich sehr aufgebläht durch den gesamten Text und wiederholen sich mehrfach. Aber das mag wohl der vermeintlichen Satire geschuldet sein.

Veganes Outing, Vorurteile und Mobbing

In seinem sozialen Umfeld „outet“ er sich mal früher mal später als Veganer und ist mit Anfeindungen, Beleidigungen und sogar derben Streitgesprächen konfrontiert. Mal ganz ehrlich – wer sich wegen einer Ernährungsumstellung derart miese Sachen anhören muss, sollte dringend von diesen Leuten distanzieren und sich neue Mitmenschen suchen. Ganz verzückt schmöckert er in einem vegan-Magazin und phantasiert erotische Momente mit dem Titelmädchen, dass ihm in einem angesagten Spot in seinem Hipster Viertel in live begegnet. Auch fragwürdig, wieso er diese Zeitschrift offenbar mit einem „Herrenmagazin“ verwechselt.

Attila Hillmann und das Testosteron

In einigen Passagen wird Zahlenwerk über den deutschen Fleischkonsum zitiert, was durchaus hilfreich ist, da sich dieses Buch offenbar an Leute richtet, die ihren Fleischkonsum überdenken oder sich mit der Lektüre über Fleischverzichter amüsieren wollen. Mehr oder weniger indirekt wird Attila Hildmann gebasht, als ein Pumper-Prolet mit Migrationshintergrund, der das ganze Pflanzenessertum massentauglich macht. Dass Hildmann gerne mal die Macho-Nummer raus holt, um Veganismus massentauglich zu machen, ist ihm ja überlassen. Ist doch aber an sich super, denn so kommt Veganismus aus der verkopften Frankfurter Feuilleton-Bio-Ecke gekrochen und findet eine zweite Heimat irgendwo im geerdeten Berliner Pflaster, Pumpern und Porsche-Fahrern.

 

Recht ausführlich werden seine Shopping-Erlebnisse in Bioläden oder im veganen Supermarkt geschildert mit der Konsequenz, dass er sich gegen Ende des Experiments verarmt fühlt. Ausnahme: Verzückt entdeckt er im Aldi eine Auswahl an Hummus. Ungeachtet dessen, dass man auch bei Lidl, Aldi, Penny & Co Obst, Gemüse und sonstige tierfreie Lebensmittel zum Discountpreis bekommt. Aber das Klischee, dass Pflanzenesser ausschliesslich beim hochpreisigen Veganz einkaufen, musste ja noch mal breit getrampelt werden.

Als erleuchtendes Erlebnis erzählt er von seinen Kocherlebnissen am Herd – es gibt Gemüse-Curry. Selbstgekocht. WOW. Der einsame Singlemann schwingt den Kochlöffel. Welch positive Wendung, da sich der einsame Wolf sonst gerne von Lamm ernährt hat.

Eine recht ungeschickt gewählte Sidestory ist die Sache mit einer Ameisenstrasse in seiner Wohnung. Kann er guten Gewissens Insektenvernichtungsmittel einsetzen? Oder ist das einfach nur ein verzweifelter Versuch Spe­zi­e­sis­mus ad absurdum zu führen? Eine ähnlich hirnrissige Story hab ich mal in einer deutschen Talkshow gesehen, in der eine Dame vollkommen entzückt über ein Buch einer amerikanischen Autorin referierte, die nach einiger Zeit pflanzenbasierten Lebens nun wieder zu Tierprodukten greift. Warum? Sie wollte die Schnecken in ihrem Salatbeet nicht vergiften, sammelte sie ein und fuhr sie weit weg in einen Wald, um sie dort auszusetzen. Dort verendeten die Schnecken allerdings, weil ihnen der Waldboden nicht ausreichend Nahrung bot. Das war ein „Schlüsselerlebnis“ für die Autorin, dass man eh keine Tiere retten kann/sollte und man sie insofern besser isst, bevor sie im dunklen Wald verhungern müssen. Ganz im Ernst – sowas wird im TV diskutiert. Niemand fragte sich, warum die Dame die Schnecken nicht einfach in Nachbars Garten oder auf eine Wiese gesetzt hat? Oder warum sie wie viele andere Hobbygärtner auch, nicht einfach Petunien oder Tagetes pflanzt? Oder warum so ein Stuss verlegt wird?

Womit wir uns langsam der Essenz des „Allein unter Veganern“ nähern. Der Subtitle „Expedition in eine neue Welt“ deutet ja grosses Abenteuer an: Die Entdeckung eines bis dato unbekannten Planeten und die Bekanntschaft mit Eingeborenen, die sich von Pflanzen ernähren. Hui! Ziemlich dick aufgetragen für die Tatsache dass jemand sich eine Gemüsepfanne macht und bei Aldi zu Hummus greift. Und nach dem Experiment zwar wieder genüsslich Fleisch isst, sich aber nun Flexitarier labelt. Vermutlich, weil er noch ein übrig gebliebenes Hummus-Töpfchen zum Frühstück leeren muss. Oder weil das Titelmädchen vom vegan-Magazin doch ganz nett anzusehen ist.

Fazit:

Das Buch wird als kurzweilig und komisch angepriesen ist aber im Endeffekt eine sehr unreflektierte Exkursion in langläufige Vorurteile und ein weiteres unnötiges Unterhaltungsprodukt in Sachen „veganer Trend“. Ich frage mich, wie viele Hummus-Töpfchen ich bei Aldi wohl für den stolzen Preis von 14,99 € bekommen hätte.

***

Warum vegan nicht teuer sein muss – lies hier weiter!

Und welche Bücher sich lohnen: „A Modern Way To Cook“ / „A Modern Way To Eat“ von Anna Jones!

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